Der Ohrenzeuge. Über einen einzelnen Menschen wie er wirklich ist, ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Auch damit wäre er nicht erschöpft und käme mit ihm nie zu Ende. Geht man dem nach wie man über einen Menschen denkt, wie man ihn heraufbeschwört, wie man ihn im Gedächtnis behält, so kommt auf ein viel einfacheres Bild: es sind einige wenige Eigenschaften durch die er auffällt und sich besonders von anderen unterscheidet. Diese Eigenschaften übertreibt man sich auf Kosten der übrigen und sobald man sie einmal beim Namen genannt hat spielen sie in der Erinnerung an ihn eine entscheidende Rolle. Sie sind, was sich in einem tief eingeprägt hat, sie sind der Charakter. So trägt jeder eine Anzahl von Charaktere in sich, sie machen seinen Erfahrungsschatz aus und bestimmen das für ihn resultierende Bild der Menschheit. Allzuviel solcher Typen gibt es nicht, sie werden weitergegeben und vererben sich von einer Generation zur anderen. Mit der Zeit verlieren sie ihre Schärfe und werden zu Gemeinplätzen. Ein Geizhals sagt man, ein Dummkopf, ein Narr, ein Neidhammel. Ich meine es ist Nützlich, neue Charaktere zu erfinden, die noch nicht verbraucht sind und einem die Augen für sie wieder öffnen. Die Neigung, Menschen in ihrer Verschiedenheit zu sehen, ist eine elementare und soll genährt werden. Sie soll sich nicht dadurch entmutigen lassen, daß zu einem kompletten Menschen mehr gehört, als in einen solchen Charakter hineingeht. Man wünscht sich Menschen sehr verschiedenartig, man würde sie nicht gleich wollen, selbst wenn sie’s wären. Manche dieser „Charaktere“ mag man als Skizzen zu Romanfiguren ansehen, anders als Anlässe zur Selbstbetrachtung.
Auf den ersten Blick findet man Bekannte, aber auf den zweiten findet man sich. Wer sich nur feierlich sehen kann, mag sich darüber ärgern. Aber zum Glück gibt es viele, denen die Wahrheit über ihre Selbstzufriedenheit geht. Eine einfache Wahrheit ist es nicht, denn man wird sich in mehreren dieser Charakter erkennen. Es war ihrem Verfasser beim Schreiben nicht ein einziges Mal bewußt, daß er an sich selbst dachte. Aber als er das Buch mit den 50 Charakteren zusammenstellte - aus einer viel größeren Zahl, die er geschrieben hatte -, erkannte er sich staunend in zwanzig von ihnen. Das mag beschämend sein, es ist auch erheiternd. So reich ist man zusammengesetzt, und so sähe man jeweils aus, wenn ein einziges der Elemente, aus denen man besteht, konsequent auf die Spitze getrieben würde.
Ich könnte mir einen Schreiber vorstellen, der nichts anderes tut, als solche „Charaktere“ zu erfinden. Es wäre führ ihn ein unerschöpfliches Vergnügen. Aber mir verbindet sich auch eine Absicht damit: die Dichter zu einer Übung anzureizen, die fast ganz außer Gebrauch gekommen ist. Es ist heute kaum mehr üblich, „Charaktere“ zu schreiben. Die Literatur hat sich auf anderes verlegt und dreht sich im Kreis und sucht sich eine schwer erworbene Sterilität immer von neuem zu beweisen. Wie viele Tiere, erscheinen die Charaktere vom Aussterben bedroht. Aber in Wirklichkeit wimmelt die Welt von ihnen, man braucht sie nur zu erfinden, um sie zu sehen. Ob sie bösartig sind oder komisch, es ist besser, daß sie nicht von der Oberfläche verschwinden.
Elias Canetti (aus Der Ohrenzeuge: Deutsche Grammophon 2001)
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